1 ⋇ Julia
Ich brauche Antworten.
Cas geht mir seit unserem Wiedersehen konsequent aus dem Weg, aber heute mogle ich mich in sein Team und gehe mit auf Patrouille. Wir werden die ganze Nacht zusammen verbringen. Diesmal entkommt er mir nicht.
In schwarzer Cargohose und schwarzem Shirt, beides heimlich aus dem Ausrüstungsraum beschafft, schleiche ich den Gang entlang. Meine Finger umklammern die Gesichtsmaske.
Dieses alte Fabrikgebäude ist das Hauptquartier seiner Gang, in dem Cas und einige andere sogar wohnen, doch ich weiß nicht, was hier vor sich geht. Legal ist es sicher nicht, selbst wenn seine Leute jede Nacht in diesem heruntergekommenen Viertel, in das sich die Polizei nicht mehr traut, für Sicherheit sorgen.
Plötzlich bohrt sich etwas in meinen Rücken, brennt wie ein heißer Laserstrahl auf meiner Haut. Ich erstarre. Mit jeder Faser spüre ich seine Gegenwart.
»Was soll das werden, Julia?«
In Zeitlupe drehe ich mich um. Zum ersten Mal seit fünf Jahren bin ich mit ihm allein, und als mir das bewusst wird, kochen lange unterdrückter Schmerz und Zorn in mir hoch, beschleunigen meinen Atem und lassen mein Herz gegen meine Brust hämmern.
Mit der Energie der Wut, die in mir aufflackert, könnte man die ganze Stadt beleuchten. Sie brennt durch meine Adern, doch bevor sie explodieren kann, kühlt ein Hauch von Angst sie wieder ab. Ein Teil von mir fürchtet sich inzwischen vor meiner großen Jugendliebe. Cas ist nicht mehr derselbe.
Er steht mitten im spärlich beleuchteten Flur, die muskulösen, tätowierten Arme vor der breiten Brust verschränkt. Mit seinen strengen, kantigen Gesichtszügen, all den bösen Tattoos und demselben schwarzen Outfit, das auch ich trage, sieht er aus wie ein dunkler Krieger. Wie die Personifikation des Gefährlichen.
Ich räuspere mich und recke herausfordernd das Kinn. »Ich komme heute mit.«
Kurz zucken seine Mundwinkel, dann zieht er eine Augenbraue hoch. »Du kannst nicht mit, Julia.«
Der Zorn in mir flammt wieder auf, doch gleichzeitig durchströmt mich ein berauschendes Hochgefühl. Seine Aufmerksamkeit zu haben und mit ihm allein zu sein, ist alles, was ich erreichen wollte. Diese Chance werde ich nutzen.
»Warum bist du einfach aus meinem Leben verschwunden, Cas? Warum hast du mich plötzlich geghostet? Als hätte ich dir nie etwas bedeutet!«
Nach einem lebensverändernden Kuss und Berührungen, die mich für alle Männer, die nach ihm kamen, verdorben haben. Nie wieder habe ich so etwas empfunden.
Die unbeteiligte Maske auf seinem Gesicht verrutscht keine Sekunde, doch mir entgeht nicht, dass sich seine Brust unter dem engen Shirt nun schneller hebt und senkt.
»Warum zum Teufel bist du hier, nachdem ich so etwas getan habe? Wieso hast du eine Wohnung in einem Viertel, in das du nicht gehörst und nicht ansatzweise passt, Julia?« So sehr er sich bemüht, die versteckte Wut in seinen Worten kann er nicht unterdrücken.
»Glaubst du, ich bin deinetwegen hier? Du überschätzt dich. Mein Vater hat sich verspekuliert, wir sind nicht mehr reich. Ich bin jetzt eine arme Studentin«, antworte ich schnippisch.
Doch ich schlucke schwer, als mir plötzlich ein beängstigender Gedanke durch den Kopf schießt. Was, wenn das wirklich der Grund war? Was, wenn mein Unterbewusstsein mich hergelockt hat, nur um in seiner Nähe zu sein? Ich konnte nicht wissen, dass er noch hier lebt. Aber ich konnte es ahnen.
Diesem Gedanken darf ich keinen Raum geben.
»Warum kann ich nicht mit?«
Er richtet sich auf und kommt auf mich zu. Langsam. Wie ein Jäger auf seine Beute. Unsicher weiche ich einen Schritt zurück. Dann noch einen. Allein durch seine körperliche Präsenz drängt er mich immer weiter zurück. Schritt für Schritt.
»Zu gefährlich.«
Er treibt mich durch eine Zimmertür, ohne mich zu berühren.
»Aber ihr habt auch Frauen dabei.«
»Die seit Jahren dafür trainieren. Keine Balletttänzerinnen mit Klavierspielerhänden.«
»Ich habe einen Selbstverteidigungskurs gemacht.«
Er zieht nur süffisant eine Augenbraue hoch. »Muss ich dich daran erinnern, dass wir dich am Freitag gerettet haben? Und dass diese Sache richtig schlimm hätte enden können? Du hattest keine Chance gegen den Typen.«
Ich seufze leise. Wir beide wissen, dass ich seinem Argument nichts entgegenzusetzen habe. »Und jetzt? Wohin bringst du mich?«
»Ich fessle dich an mein Bett, bis wir wieder hier sind.«